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Größte Demo der Gesundheitsbranche

Auf den ersten Blick scheinen drei Milliarden Euro eine Menge Geld zu sein. Das nämlich ist der Betrag, auf den sich Bund und Länder geeinigt haben, um die Finanzierung der Krankenhäuser zu sichern. Geplant sind außerdem tausende neue Pflegestellen.

Für Menschen, die sich nur unzureichend mit der Situation der Krankenhäuser auskennen, scheint die einmalige Zahlung von drei Milliarden Euro vielleicht die langerwartete Lösung des Problems »Kliniklandschaft« zu sein. Gleichzeitig geht ein Schrei der Empörung durch die Krankenhäuser: der Betrag sei viel zu niedrig angesetzt. Aus diesem Grund wollen heute rund 60.000 Angestellte von Kliniken in Berlin demonstrieren - eine der größten Demonstrationen der Gesundheitsbranche in Berlin aller Zeiten. Die Kosten für die Anreise der Demonstranten tragen übrigens die Kliniken selbst.

Nach der Zahlung dieses Betrages ist erst ab 2012 eine Investitionsförderung durch Pauschalen möglich. Bis dahin bleiben drei Milliarden. Ein Tropfen auf den heißen Stein oder wirkliche Hilfe? Und wieviel bleibt wirklich bei den einzelnen Kliniken hängen? Da entscheiden wohl am besten diejenigen, die Tag für Tag mit der Materie Gesundheit zu tun haben. Und die machen ihre Meinung mit der heutigen Demo überaus deutlich.

Aus Fehlern lernen

Auf dem Weg in Richtung »Zukunft Krankenhaus« sind es häufig die kleinen Schritte, die die Kliniken nach vorne bringen. Das hat auch das »Aktionsbündnis Patientensicherheit« erkannt. Das Bündnis setzt sich aus Vertretern der Gesundheitsberufe, der Verbände und der Patientenorganisationen zusammen. Gemeinsames Ziel: eine Plattform zur Verbesserung der Patientensicherheit in Deutschland aufzubauen. Konkret sollen Methoden, die die Sicherheit der Patienten im Krankenhaus erhöhen, entwickelt und verbreitet werden.

Wer daran zweifelt, dass Patienten auch in Krankenhäusern verschiedenen Gefahren ausgesetzt sind, sollte sich die Fakten näher ansehen. Bis zu 100.000 Menschen sterben nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hierzulande jährlich an Infektionen, die sie sich bei einer Behandlung im Krankenhaus zugezogen haben (Tagesschau am 21.04.2008).

Knapp 15 Prozent aller Infektionen auf Intensivstationen sind beispielsweise auf mangelnde Hygiene im Krankenhaus zurückzuführen, erläuterte der Charité-Krankenhaushygieniker Henning Rüden. Während es sich bei den übrigen 85 Prozent um Ansteckungungen aus dem Körper des Patienten handle (reagiert empfindlicher auf Keime als ein gesunder Mensch), könnten diese 15 Prozent mit der richtigen Hygiene vermieden werden (http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/news/85838/index.html).

Aber wie? Das Aktionsbündnis gibt hier Handlungsempfehlungen. So würde zum Beispiel ein vermehrtes Waschen der Hände die Hygiene im Krankenhaus erhöhen. Eine kleiner Aufwand, der für die Patienten von entscheidender Bedeutung sein kann. Und jeder Vorteil für den Patienten kann zu einem wichtigen Überlebensfaktor für Kliniken werden.

Krankenhaus bietet Fitness

Wie es im Bereich Krankenhaus auch gehen kann, will das Städtische Krankenhaus Nettetal beweisen: in Zeiten, in denen immer mehr Kliniken schließen müssen, baut dieses Krankenhaus einen komplett neuen Physiotherapie-Komplex.

Zwar steht fest, dass die medizinische Betreuung immer noch im Mittelpunkt der Bemühungen steht, gleichzeitig sollen aber auch Nachsorgepatienten und Menschen mit Beschwerden, bei denen die Kasse die entstehenden Kosten nicht mehr deckt, angesprochen werden. Das heißt im Klartext, dass die Patienten auch dann noch an das Krankenhaus gebunden werden sollen, wenn die eigentliche Behandlung bereits abgeschlossen ist.

Auch in der Vergangenheit konnten Sportbegeisterte weiter in der Klinik trainieren. Ganz wie bei einem Fitnessstudio wurden 10er-Karten verkauft und der Patient, oder nun besser der Kunde, trainerte selbstständig an den Geräten. Nun sollen sich die Kunden durch langfristige Verträge an die Klinik binden.

Für die Klinik selbst bedeutet dieses Vorgehen einen Imagewandel: von einer Einrichtung, die nur im Falle akuter Beschwerden in Anspruch genommen wird, hin zu einer Art »Fitnesstudio«, das über das ganze Jahr hinweg Teil des Alltags der Patienten ist. Auf diese Weise scheint die Klinik nicht mehr automatisch mit gesundheitlichen Ausnahmesituationen in Verbindung, sondern als Teil des Lebens wie der Fußballverein oder der Kegelclub gesehen zu werden.

Neues Bündnis gegen Kosten-Deckelung

Die Probleme der deutschen Krankenhäuser sind bekannt: hohe Gehälter, steigende Energie- und Lebenshaltungskosten sowie hohe Lebenserwartungen und neue medizinisch sinnvolle, aber auch teure Behandlungsmöglichkeiten führten in der Vergangenheit zu einer riesigen Finanzierungslücke. Nun haben sich zehn Organisationen mit der Hessischen Krankenhausgesellschaft zusammen getan: oberstes Ziel ist die Refinanzierung von Tarifsteigerungen durch den Bund und das Ende der berühmt-berüchtigten Kosten-Deckelung.

Ob sich der Kampf an dieser Stelle lohnt, ist fragwürdig; vermittelt er doch den Eindruck eines Kampfes gegen Windmühlen. Natürlich sind die Kliniken in Gefahr und natürlich muss etwas getan werden. Die begrenzten Kräfte sollten aber an der richtigen Stelle eingesetzt werden. Und vielleicht macht es mehr Sinn, den Blick auf eigene Kompetenzen und Möglichkeiten zu richten und diese auszubauen, als alle Energie in einen Kampf zu stecken, der wenig Erfolg verspricht.

Unikliniken in der Krise

Dass die 32 Unikliniken in Deutschland ebenso wie alle anderen Kliniken nicht sorgenfrei wirtschaften können, haben wir schon mehrfach erwähnt. Die Lage der Unikliniken scheint sich nun weiter zu zu spitzen. So soll zum Beispiel bereits seit einigen Jahren das Uniklinikum Halle an die private Klinikkette Rhön verkauft werden.

Laut FTD (Financial Times Deutschland, 30.07.2008) machen alle Unikliniken gemeinsam zwar 13 Mrd. Euro Jahresumsatz, immerhin ein Anteil von 20 % am Krankenhausmarkt, aber ein Drittel schreibt bereits rote Zahlen oder schafft es mithilfe einer pfiffigen Buchhaltung auf eine knappe Null. Die Unikliniken schlagen sich mit dengleichen Problemen wie hohen Gehältern und Energiekosten herum wie alle andere Kliniken auch. Hinzu kommt, dass in der Vergangenheit für Unikliniken medizinische und ethische Ziele wie Forschung und Lehre wichtiger waren, während es jetzt vor allem um Wirtschaftlichkeit geht. Gibt es Probleme bei der Wirtschaftlichkeit, droht in vielen Fällen zumindest die Teilprivatisierung.

Daher ist es - auch für bisher gesicherte Unikliniken - an der Zeit, sich intensiv mit dem Thema Zukunftssicherung auseinander zu setzen. Ein möglicher Lösungsansatz ist die Spezialisierung auf die eigenen Kernkompetenzen.

Information als Weg zur Zukunftssicherung

Erst gestern wurde eine Studie der Gmünder Ersatzkasse (GEK) zum Thema »Kinder im Krankenhaus« veröffentlicht. Die Ergebnis sind interessant - vor allem in Hinblick auf die Zukunftssicherung der verschiedenen Kliniken.

Qualitativ, also in Hinblick auf die Versorgung der kleinen Patienten, gab es keine Beanstandungen. Allerdings wurde die Einbindung und Information der Eltern von diesen stark kritisiert. Laut Studie sind »zwischen 26 und 69 Prozent der Eltern völlig unzufrieden mit der Informationsvermittlung des Krankenhauses und fühlen sich in keiner Weise in den Entscheidungsprozess eingebunden.«

In Zeiten, in denen Patienten und ihre Angehörige durchaus als Kunden der Kliniken bezeichnet werden müssen, ein alarmierendes Ergebnis. Schließlich setzt sich Kundenzufriedenheit in diesem Fall nicht nur aus der rein medizinischen Versorgung zusammen. Auch kommunikative Aspekte dürfen nicht vernachlässigt werden, damit Kinder und Eltern von ihren Ängsten befreit werden und sich gut versorgt fühlen.

Und gerade diese mangelnde Kommunikation und Information lässt sich relativ einfach beheben. Eine Klinik, die sich das Bedürfnis der Eltern nach mehr Information zu Herzen nimmt und dadurch die Zufriedenheit der Kunden erheblich vergrößert, hat vielleicht den entscheidenen Mehrwert in Bezug auf die Konkurrenz erzielt und einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunftsfähigkeit getan.

Notfallmedizin als Profilierungsstrategie!?

Es ist Fakt, dass jede Klinik in Deutschland (Ausnahme Privatkliniken und Reha-Einrichtungen) über eine Notfallambulanz verfügen muss, die im Notfall erste Hilfe leistet! Patienten werden nicht nach der Reihenfolge ihres Eintreffens, sondern nach Dringlichkeit der Versorgung behandelt.

In Deutschland ist es so, dass es in vielen Kliniken keine zentrale Notfallambulanz gibt. Stattdessen haben einzelne Abteilungen eigene Notfallambulanzen. Der Patient kommt also auf die Station, die auf den ersten Blick seinen Beschwerden entspricht. Bis er aber auf der richtigen Station ist, kann er bereits eine zeitaufwändige Irrfahrt durch verschiedene Stationen hinter sich haben! Eine problematische Situation, zumal viele Behandlungen maßgeblich von ihrer zeitnahen Durchführung abhängen. Außerdem herrscht in vielen Kliniken die Meinung vor, dass es sich bei Notaufnahmen um Kostenfresser handelt, die nicht wirtschaftlich betrieben werden können. Das hängt zum Beispiel damit zusammen, dass »im Eifer des Gefechtes« Leistungen am Patienten erbracht, aber nicht in Rechnung gestellt werden.

Dennoch gibt es neben der gesetzlichen Notwendigkeit viele Gründe, warum eine Notaufnahme notwendig ist. Und zwar nicht die verschiedenen Notaufnahmen der einzelnen Stationen, sondern eine zentrale Versorgung nach amerikanischem Vorbild. Eine interdisziplinäre Notaufnahme kann zu einem rettenden Zeitgewinn führen, der zu einer Kernkompetenz der Klinik ausgebaut werden kann. Im Notfall zufrieden behandelte Patienten denken an die Klinik, wenn mal ein stationärer Aufenthalt notwendig wird. Die Notaufnahme stellt das Eingangstor zur Klinik dar und liefert so stationäre Patienten.

Die Notaufnahme prägt auf diese Weise das Bild einer Klinik in der Öffentlichkeit - ein Faktor, der mit Hinblick auf die Zukunftssicherung bedrohter Kliniken nicht vernachlässigt werden darf!

Lichtblick oder Tropfen auf den heißen Stein?

Auf einer Konferenz in Plön traf sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit den Gesundheitsministern der Länder, um über die aktuelle Situation der Krankenhäuser zu sprechen. Ergebnis des Treffens: den Kliniken wird der Sanierungsbeitrag in Höhe von rund 400 Mio. Euro erlassen. Den Sanierungsbeitrag ziehen die Krankenkassen den Kliniken ab, um den eigenen Haushalte zu sanieren. Ein Teil der Personalkostensteigerungen wird erstattet und ein größerer Betrag für Pflegekräfte zur Verfügung gestellt. Um welche konkreten Beträge es sich in diesen Bereichen handelt, steht allerdings noch nicht fest.

Außerdem wurde vereinbart, dass frühestens ab 2010 Leistungen in Krankenhäusern überall in Deutschland gleich bezahlt werden. Zurzeit ist es so, dass zum Beispiel eine Blinddarm-OP in einem Bundesland deutlich preisgünstiger ist als in einem anderen.

Dies scheint aus Sicht mancher Krankenhäuser ein erstes Licht am Ende des Tunnels zu sein. Andere sehen darin aber eher einen Tropfen auf den heißen Stein. Und auch Ulla Schmidt wollte im Rahmen der Konferenz eigentlich mehr erreichen. So sollten sich die Länder zu Investitionen in die Kliniken verpflichten.

Zumindest scheinen die Schwierigkeiten der Kliniken nun auch bei den Politikern angekommen zu sein.

Privatversicherungen wollen Einheitsversicherung

Am heutigen Tag machen die deutschen Versicherungen gleich zweimal von sich reden. Denn zum einen feiert die gesetzliche Krankenversicherungen ihren 125. Geburtstag. Denn der deutsche Reichstag verabschiedete am 15. Juni 1883 das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung des Arbeiters“. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte damals das Ziel, unzufriedenen Arbeiter positiver zu stimmen. Der Geburtstag wird heute im Rahmen eines Festaktes mit Kanzlerin Angela Merkel gefeiert.

Auf der anderen Seite machen die privaten Krankenversicherer von sich reden: Allianz, Axa und Ergo schlagen eine Einheitsversicherung vor, die allen Bürgern gleichermaßen zur Verfügung steht. Bisher ist es nämlich so, dass nur Selbständige, Beamte und Arbeitnehmer, die bereits seit drei Jahren mehr als 4.012 Euro im Monat verdienen, sich privat versichern können, was die Zahl der potenziellen Kunden stark einschränkt. Nun sollen Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und Einkommen keine Rolle mehr spielen: Jeder, der will, zahlt einen Festpreis und sichert sich so gegen gesundheitliche Grundrisiken ab.

Die drei genannten Unternehmen sehen in ihrem Vorschlag die Flucht nach vorn, steht ihnen doch das Wasser bis zum Hals. Andere private Anbieter behaupten das Gegenteil, schließlich bleibe den Privaten dann nur noch der Handel mit Zusatzpolicen.

Haben sich Allianz, Axa und Ergo mit ihrem Vorschlag also ein Eigentor geschossen?

Jedes dritte Krankenhaus ist von der Insolvenz bedroht!

Auch aktuell sind die deutschen Kliniken und ihre teils desolate Finanzlage wieder in den Medien. Grund hierfür ist der heute vorgestellte Krankenhaus Rating Report 2008 des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die Ergebnisse der Studie sind erschreckend: Der Anteil der Krankenhäuser, die im roten Bereich liegen, liegt laut Prognose für das Jahr 2008 bei 34 %. 2005/2006 lag dieser Wert bei 18 % - eine erheblich Verschlechterung also. Bis 2020 könnte der Prozentsatz der Kliniken im roten Bereich auf 50 % steigen. Laut Studie ist also jedes dritte Krankenhaus von der Insolvenz bedroht!

Grund für die Schwierigkeiten deutscher Krankenhäuser ist eine Finanzierungslücke von schätzungsweise 1,3 bis 2,2 Mrd. Euro: die Kosten der Kliniken steigen stärker als die gedeckelten Budgets. Um die eigene Klink zu retten, sind Gegenmaßnahmen nötig. Allerdings wurde in den vergangenen Jahren bereits an allen möglichen Ecken und Enden gespart, wodurch das Ausscheiden der schwächsten Marktteilnehmer realistisch erscheint. Dadurch würde sich die Lage der übrigen Kliniken verbessern. Ein schwacher Trost, wenn die eigenen Klinik gerade vor der Schließung steht.