Archive für September 2009

Kurswechsel nach Wahlen?

Es liegt in der Natur der Sache: kaum steht fest, welche Parteien in Zukunft die Regierung bilden, treten die verschiedenen Interessensgruppen auf den Plan, um schnellst möglich die eigenen Ansprüche anzumelden. So auch in der Gesundheitspolitik.

Ärzteverbände, private Krankenkassen und Industrie hoffen darauf, dass nun der staatliche Einfluss auf die Branche eingeschränkt wird. Die gesetzlichen Krankenkassen hingegen hoffen auf eine Stärkung der eigenen Position. Zum Thema wird hier sicherlich der ungeliebte Gesundheitsfonds.

Ein anderes Beispiel: Der Branchenverband der Pharmaindustrie Pro Generika e.V. fordert, dass die sogenannten Arzneirabattmittelverträge wieder abgeschafft werden. Nur so sei eine freie und soziale Marktwirtschaft im Bereich der Arzneimittel möglich - neben dem Preis müssen auch Qualitätskriterien wieder eine Rolle spielen, das erklärte Pro Generika-Geschäftsführer Peter Schmidt.

Ein Punkt, der immer wieder auftaucht, scheint das fehlende Vertrauen der Bürger in das Gesundheitssystem und der daraus resultierende Handlungsbedarf zu sein. Kein Wunder bei einer Gesundheitsreform, die in den Augen vieler vor allem die Kostensenkung im Auge hatte.

Auf die neue schwarz-gelbe Regierung scheinen jedenfalls schwere Zeiten mit unterschiedlichsten Forderungen zuzukommen - auch (oder vielleicht vor allem?) im Gesundheitssektor.

Betrug zu Lasten der Versicherten

Immer häufiger werden Patienten von niedergelassenen Ärzten an Kliniken überwiesen, damit diese höhere Honorare erzielen. In bis zu fünf Prozent aller Fälle fordern Ärzte ungerechtfertigte Entlohnungen. Dies geht zumindest aus Schätzungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) hervor. Die Bundesärztekammer berichtet ebenfalls von einzelnen Fällen, in denen zu Unrecht Prämien an Ärzte gezahlt wurden. Sie hält die Schätzung aber für übertrieben.

Zwar betrifft dieser Vorwurf nur wenige schwarze Scharfe, allerdings sind jüngst mehr und mehr Fälle zu beobachten. Nicht nur, dass Patienten voreilig an Kliniken überwiesen werden, sondern auch, dass sich viele Ärzte zusammengetan haben, um Kliniken unter Druck zu setzen. Das Vorgehen der Ärzte lässt sich aufgrund der Regelungen in unserem Gesundheitssystem, die anscheinend diese Möglichkeit offen halten, zwar erklären, aber nicht entschuldigen. Unter Berücksichtigung der Vorwürfe ist es nicht verwunderlich, wenn sich das Ansehen der Ärzte innerhalb der Gesellschaft wandelt.

Der Hintergrund für die hohen Honorarzahlungen an die Ärzte ist die politisch gewünschte Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken, um Versicherten eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Ziel dieser integrierten Versorgung ist die Vermeidung doppelter Untersuchungen, um eine Senkung der Kosten zu veranlassen.

Ärzte stellen sowohl zu hohe Forderungen an die Kliniken, als auch an die Versicherten, die immer öfter Vorkasse leisten müssen. Die Kliniken sind für diese Situation mitverantwortlich, da sie gezielt auf Ärzte zugegangen sind, um ihre Wettbewerbs- situation zu verbessern. Patienten werden an Kliniken überwiesen, die die höchste Prämie zahlen. Dies führt zu Wettbewerbsverzerrung unter den Kliniken und dazu, dass Patienten nicht immer in die für ihr Krankheitsbild am besten qualifizierte Klinik kommen.

Privatkliniken auf der Überholspur?

Im Zuge des immer stärker werdenden Kostendrucks aufgrund von gedeckelten Budgets und steigenden Ausgaben für Personal, Energie und medizinische Versorgung sind Krankenhäuser auf der Suche nach effizienten Lösungen.

Um auf dem Markt überleben zu können, sind sie aufgefordert zu wachsen und mehr Umsatz zu generieren. Eine höhere Produktivität und die Steigerung der Einnahmen können oft nur über eine Ausweitung bzw. Umstrukturierung der Geschäftsfelder erfolgen. Dabei sei beispielsweise an besondere Pflegeleistungen für Senioren oder Privatpatienten zu denken. Des Weiteren spielen räumliche Veränderungen innerhalb von Krankenhäusern eine große Rolle, um Zeit bei den zu überbrückenden Wegen zu sparen. Alle diese Maßnahmen verbessern die Wettbewerbssituation.

Aber woher werden die finanziellen Mittel für eine derartige Umgestaltung genommen?

Die finanzielle Entlastung von Kliniken durch die Krankenhausreform sowie die Konjunkturpakete in diesem Jahr sorgten nur für eine kurze Verschnaufpause. Wer im Wettbewerb bestehen möchte und seine Kosten massiv senken will, muss Investitionen tätigen. Das Problem: Investitionen und Abschreibungen dürfen nicht in die Preise von Krankenhausleistungen miteinbezogen werden. Der Grund dafür sind die Abrechnungen mit den Kassen. Im Normalfall würden die Investitionsausgaben von den Kommunen getragen. Allerdings haben die in Vergangenheit erwirtschafteten Verluste oft zu Kürzungen von Geldern für Investitionsvorhaben geführt.

Das Resultat: Derzeit sind nach einer Untersuchung des RWI (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsförderung) 15 % der Krankenhäuser insolvenzgefährdet und seit 1996 hat die Zahl der Privatklinken um 41,6 % zugenommen, was einem Marktanteil von ungefähr 28 % entspricht. Privatkliniken schaffen es zusätzliche Gewinne zu erzielen, von denen öffentliche Kliniken weit entfernt sind. Bei Privatkliniken ist die Arbeitsauslastung weitaus höher, beispielsweise werden Aufgaben der Verwaltung an Servicekräfte und Tätigkeiten von Ärzten an Assistenten delegiert. Es sind auf diese Weise Einsparungen von zwei bis drei Prozent der Personalkosten realisierbar.

Zukünftig bleibt zu erwarten, dass das Leistungsportfolio vieler Kliniken so sehr ausgeweitet wird, dass alle Dienstleistungen im Gesundheitsbereich in einem Haus angeboten werden – das heißt von der “Geburt bis zum Tod”.

Der Vorteil von Privatkliniken liegt darin, dass sie den Privatpatienten eine freie Wahl der angebotenen Leistungen bieten dürfen und somit ihre „Kunden“ stärker an sich binden. Öffentliche Kliniken hingegen rechnen über die Fallpauschale ab, wobei Sonderwünsche, Einzelzimmer und Chefarzt gesondert in Rechnung gestellt werden können. Kleinere Häuser, die nicht das gesamte Leistungsspektrum anbieten können, werden hingegen gezwungen sein sich auf einzelne erfolgversprechende Geschäftsfelder zu konzentrieren.

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